Heute habe ich meine Mittagspause dazu genützt, um eine Buchhandlung aufzusuchen. Einfach, um wieder einmal ein bisschen herumzustöbern – man kommt ja sonst so selten dazu, und zu viel Geld hat man auch immer…
Jedenfalls steh ich dann da vor dem Regal mit diversen Biografien: Außergewöhnliche Schicksale von Frauen und Männern. Und plötzlich überkommt mich so ein komisches Gefühl und es graute mir davor. Auf einmal fand ich das ganze ziemlich pervers. Jedes einzelne Buch schrie mich an – Kauf mich! Mein Leben war schlimmer! Ich habe mehr gelitten! …
ich war drogensüchtig! ich habe im irak gekämpft! ich habe krebs! ich wurde vergewaltigt! ich wurde verfolgt! ich wurde geschlagen! ich war gefangen! kauf mich! kauf mich! kauf mich! kauf mich! kauf mich!
Ein Ausverkauf an Schicksalen – jeder versucht seine Gräuelbiografie am dienlichsten anzupreisen. Es rieselt PR-Texte über Schreckensschicksale. Einfach pervers.
Welche Intention bewegt einen Menschen, der Schreckliches mitgemacht hat, dazu, sich so billig zu verkaufen? (Von den Promi-Biographien möchte ich gar nicht sprechen.)
Ich gebe im gleichen Atemzug aber zu, auch schon einige solcher Schicksale gelesen zu haben. Und manche waren gut. Sie waren einfühlsam geschrieben, machten mir klar, WARUM derjenige sein Schicksal mit der Welt teilen möchte.
Aber einfach nur in die Welt hinauszubrüllen, das empfinde ich als abstoßend. Auch, wenn man noch so viel mitgemacht hat.

4 comments
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Juli 18, 2008 um 7:23
Hanni
Ein sehr guter Blogeintrag, finde ich. Ich habe über das Thema auch schon einmal länger nachgedacht und mich dabei etwas gewundert. Mein erster Gedanke war aber nicht pervers, sondern berechnend.
Zuerst ist hier einmal der Schicksalsschlag-Trend, der uns seit Waris Dirie und Zeitgenossen/-genössinnen überrollt. Habe ich ihr erstes Buch „Wüstenblume“ noch mit Interesse, Aufgebrachtheit und Respekt gelesen, war Teil Zwei („Nomadentochter“) nicht mehr viel mehr als eben, naja, ein Teil Zwei, ohne den es auch gegangen wäre.
Du hast Recht, die Bücher schreien, „Kauf mich, ich habe noch mehr gelitten!“ Gleichzeitig zwinkern sie aber, und flüstern: „Du willst es doch auch.“
Zeitungslesen extended oder auch einfach die Lust am Leid („Angstlust“ heißts bei den Herren Psychologen) ist es, was vielen derartigen Büchern gute Verkaufszahlen beschert – solange das Leid nur weit genug weg ist. Weil du sagst, auch ein solches Buch gelesen zu haben: ich glaube, schwierig wird es ab dem Moment, wo die Geschichte nicht mehr aus Interesse an der Geschichte gelesen wird, sondern aus Interesse an EINER Geschichte – undifferenziert, solange es schönschaurig ist (again: Zeitung!).
Und zum Abschied wird noch ein bisschen kluggesch***t (-; weil es mir in diesem Zusammenhang recht passend erscheint.
„Von allen Dingen, die unter der Krümmung der Firmamente unter das Auge treten können, gibt es nichts, das den menschlichen Geist mehr in Erregung versetzt [...] als jene Ungeheuer, Wunderwesen und Greuelgestalten, in denen wir die Kräfte der Natur in ihr Gegenteil verkehrt, verstümmelt und beschnitten sehen.“ (Pierre Boaistuau)
Juli 20, 2008 um 2:25
Mr. Django
Und was ist mit den Biographien derjenigen Personen, die für die Welt- oder Zeitgeschichte von Bedeutung waren? Aktuell sind Che, Mao und der Dalai Lama ja wieder im Trend. Oder wegen des Jubiläumsjahres Franz Kafka.
Was ist mit Menschen die später geboren sind und wissen möchten, was es mit dem Mythos Che auf sich hat, was Kafka für ein Leben hatte und inwiefern das sein Schreiben beeinflusst hat.
Auch Biographien von afrikanischen Vergewaltigungsopfern, muslimischen Zwangsverheirateten oder kolumbianischen Prostituierten leisten ja in gewisser Weise einen Beitrag zum Kulturverständnis. Auch wenn es ohne Frage mittlerweile zu viele davon gibt.
„B-Promi“-Biographien, wie aktuell Olli Kahns, haben auch in meinen Augen keine anderen keine andere Berechtigung als Unterhaltung und zur Schau-Stellung.
Aber wer z.B. die Bedeutung Marcel Reich-Ranickis verstehen möchte, der ist mit seiner Biographie ja nicht falsch beraten, oder?
Juli 21, 2008 um 6:18
vorreiterin
Ich möchte auf keinen Fall alle Biographien in einen Topf werfen. Schade, wenn das aus meinem Kommentar nicht herauskommt…
Mir ist sehr wohl klar, dass jedes Buch ein bedeutendes Zeugnis für die Nachwelt ist. Um eine Epoche/eine Kultur/eine Person verstehen zu können, ist es ohne Frage hilfreich, ein Buch darüber zu lesen.
Was ich kritisiere, sind auch nicht Biographien über Mahatma Gandhi (solange sie gut recherchiert und nicht zu einseitig sind) oder über Che Guevara (hier gilt natürlich dasselbe).
Ich kritisiere nicht Biographien über jene Personen, die zeitgeschichtlich relevant sind.
Und dass eine Biographie über ein muslimisches Mädchen, das zwangsverheiratet wurde, ein wichtiger Beitrag für das Kulturverständnis ist, steht auch außer Frage.
Was mich aber betroffen macht, ist die Art und Weise, wie manche (!) Bücher gemacht und verkauft werden.
Schicksale als Ware.
Schicksale als Bestseller.
Pauschalierungen: Zwangsverheiratungen gehen heuer besser als Vergewaltigungen.
Das macht mich krank. Nicht unbedingt der Inhalt.
Juli 24, 2008 um 12:12
Mr. Django
Nachvollziehbar.
Vielleicht auch eine Begleiterscheinung unseres sicheren Europas. Staatliche oder vom Staat tolerierte Gewalt gegen Minderheiten kennen wir ja gar nicht mehr. Wir bekommen Einzelschicksale mit, die zwar tragisch sind, aber die man als unvermeidlich akzeptieren muss.
Vorfälle wie in Teilen Afrikas aber, das ist für viele hier ja gar nicht nachvollziehbar.
Ich denke schon, dass es nicht wenige Leute gibt, die daher versuchen irgendwo Berührungspunkte mit solch einer anderen Realität zu finden. Manchen würde ich sogar unterstellen, dass sie ihr eigenes Leben damit aufwerten.
Aber ich wage mich hier wahrscheinlich ein bisschen zu weit vor