Bevor ich gleich nach Amsterdam wegzische, möchte ich noch eine Frage zum Wahlkampf loswerden:

Dürfen Journalisten keine eigene Meinung haben?

Warum wird die Berichterstattung über den Wahlkampf meistens darauf beschränkt, die Farben der Krawatten zu analysieren, den Hintergrund der Wahlplakate zu interpretieren, Wahlkampfbotschaften auf ihre PR-Wirksamkeit abzuklopfen und Wahlgeschenke zu vergleichen? Warum dürfen Journalisten nach einer Politikerdiskussion nur aufzählen, wie lange der eine gelächelt und der andere gesprochen hat?

Wann geht denn endlich die Diskussion über den Inhalt der Wahlprogramme los? Tendenzen dazu gibt es ja schon, wenn etwa die Finanzierbarkeit der Wahlzuckerln diskutiert wird. Darüber hinaus geht es aber selten. Das soll jetzt keinesfalls die Aufforderung sein, dass sich jeder Journalist an den Krone-Stil anpassen soll! Aber eine breitere Diskussion über die Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit von Politikervorschlägen muss doch möglich sein.

Woran liegt es denn, dass Journalisten lieber die Medientauglichkeit eines Politikers kommentieren als deren politisches Schaffen?

Weil es einfacher ist. Um dem Vorschlag eines Politikers den Wind aus den Segeln zu nehmen, braucht es schon beträchtliches Hintergrundwissen. Da ist es einfacher und sicherer, nur den Krawattenknopf zu bewerten.

Weil sie feige sind. Ein Journalist, der sich in Österreich für eine Partei auspricht, wird gleich in eine Schublade gesteckt. Ihm wird Unterwürfigkeit und Parteizugehörigkeit unterstellt. Ich glaube, in anderen Ländern ist die Tradition anders. In Amerika ist es für eine Zeitung ja sogar üblich, eine Wahlempfehlung abzugeben.

Weil sie sich überschätzen. Liebe Kollegen, so groß ist eure Macht und eure Manipulationsgabe auch wieder nicht, dass ihr mit eurer Meinung in einem läppischen Kommentar die ganze Leserschaft von einer Partei überzeugen könnt. Keine Sorge!

Welche dieser drei Möglichkeiten es ist, die Journalisten dazu bewägt, sich zwar als Sprachrohr für die Punkteprogramme der jeweiligen Parteien herzugeben, die Analyse davon aber beim Krawattenknopf enden zu lassen, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich eine Mischung. Oder fallen euch noch andere Gründe ein? Oder liege ich etwa ganz falsch und ihr meint, politische Inhalte werden genug diskutiert? Bitte kommentieren!

Fotos und Eindrücke von Amsterdam gibt es dann nächste Woche. Bin schon weg.